Jodhpur – Liebe auf den ersten Blick

Gestern früh verließ unser Zug pünktlich um 6 Uhr Jaipur. Da wir in der Nacht wegen einer Party in der Nachbarschaft kaum schlafen konnten und der Wecker um 4.30 Uhr klingelte, waren wir froh, dass wir dieses Mal den komfortableren Chair Car gebucht hatten. So konnten wir in den bequemen Sitzen noch ein paar Minuten Schlaf nachholen. Nach einem traumhaften Sonnenaufgang beobachteten wir, wie die Landschaft an uns vorbeizog und konnten sogar ab und zu Antilopen (oder sowas in der Art) durch die zunehmend wüstenartige Landschaft springen sehen. Mit nur einer halben Stunde Verspätung (also quasi pünktlich) erreichten wir Jodhpur. Da unser Hotel nur 1,6 km vom Bahnhof entfernt war, entschieden wir uns, dorthin zu laufen. Google Maps war dabei unser bester Freund, denn sonst hätten wir uns in den schmalen, verwundenen Gässchen Jodhpurs wohl schnell verlaufen. Schon unterwegs fiel uns auf, wie wenig wir angesprochen wurden. Zwar grüßten viele Leute freundlich und freuten sich einen Keks, wenn wir hello erwiderten, aber kaum einer wollte uns irgendwas andrehen. Wie erfrischend und sofort sympathisch – wir mochten diese Stadt sofort! Im Hotel angekommen zeigten uns zwei kleine Jungs unser Zimmer. Für den Bruchteil des Preises unseres Hotels in Jaipur haben wir hier nun ein wunderschönes, gemütliches und sauberes Zimmer in einem traditionellen Gebäude. Wir waren im Himmel!  
Nach einem Mittagschlaf erkundeten wir noch etwas die Stadt. Der superliebe Besitzer druckte uns gleich noch eine Karte aus und erklärte uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Zuerst ging es auf den Clock Tower, von wo wir das Treiben auf dem Markt beobachten konnten. Ganz oben erklärte und ein alter Opa, wie die Uhr funktioniert und zeigte uns, wie sie aufgezogen wird. Weil wir kein Hindi und er kein Englisch sprachen, konnten wir zwar nicht wirklich was verstehen, einen kleinen Tip gab es aber trotzdem – die Geste für Geld kannte er nämlich sehr gut. ;) 

   

Völlig überwältigt waren wir vom Stufenbrunnen, der uns im Hotel empfohlen wurde. Mit so einem riesen Teil hätten wir nicht gerechnet! Wir spazierten ein bisschen darin herum und kletterten nach unten, bis es uns zu glitschig wurde. Reinfallen muss man in die Brühe dann doch nicht…   

Unterwegs kamen wir an einem Straßenstand vorbei, bei dem das Essen wirklich richtig gut aussah. Bisher hatten wir aus magenschon-Gründen Street Food gemieden, aber Felix war mutig geworden und bestellte kurzerhand eine Portion. Nachdem er nach den ersten Löffeln weder grün angelaufen noch tot umgefallen war, überwand ich meine Angst und kostete auch mal. Und was soll ich sagen – es war soooo lecker! Da musste ich doch glatt noch ein paar Happen stibitzen… 

 

  

Nach diesem leckeren Mahl ging es weiter mit unserem Rundgang durch die Altstadt von Jodhpur. Mitten in der Stadt ist ein kleiner künstlich angelegter See, der zwar schön aussah, aber offensichtlich umgekippt war. Überall schwammen tote Fische neben viel Müll im Wasser… 

Dort kam auch eine Gruppe kleiner Jungs auf uns zu, die gerade Kricket spielten. Kurzerhand luden sie Felix ein mitzuspielen und das konnte er sich natürlich nicht nehmen lassen. Die Jungs freuten sich wie Bolle und so wurden ein paar Bälle geworfen und geschlagen. Auch meine Kamera fanden die Jungs sehr interessant und ich sollte unbedingt ein Foto von ihnen machen. Da sage ich natürlich nicht nein – Menschen sind doch einfach immer tolle Fotomotive! Als einer dann jedoch anfing dauernd an den Knöpfen meiner Kamera zu drehen, machten wir uns dann wieder auf den Weg. Meine heilige Kamera betatscht niemand einfach so! ;)

  

Unsere Kricket-Jungs

 
Zurück im Hotel ging es direkt auf die tolle Dachterasse mit Restaurant, von wo wir wunderbar den Sonnenuntergang beobachten konnten. Ein Blick auf die Speisekarte sagte uns: wie toll, hier gibt es auch Pancakes und Pizza! So lecker das indische Essen auch ist – nach einer Woche Thali, Chapati, Reis und Co. freuten wir uns sooo sehr über etwas „heimisches“. Ihr glaubt gar nicht, wie gut ein Pancake nach längerer Abstinenz schmeckt!   

  
 
   

Von der Dachterasse kann man auch wunderbar die Festungsanlage von Jodhpur, Meherangarh, sehen, die im Dunkeln angeleuchtet wird. So genossen wir einfach den tollen Ausblick, die Ruhe und den leichten Wind. Ab und zu konnte man auch Feuerwerk sehen – die Hochzeitssaison ist wegen der milden Temperaturen gerade in vollem Gange. Nach einer Weile gesellte sich der Cousin des Besitzers zu uns. Er erzählte uns, dass Tripadvisor ein Luxushotel in Jodhpur kürzlich zum besten Hotel der Welt ernannt hat. Das Hotel ist in einem Palast untergebracht, in dem heute noch eine Königsfamilie wohnt – von unserer Terasse konnten wir am anderen Ende der Stadt die prächtigen Umrisse sehen. Nicht ganz unsere Preisklasse, aber auch in unserem Hotel fühlen wir uns wirklich wie die Könige – alle sind so unglaublich lieb! Stolz erzählte er uns, dass unser Hotel (Geetha Mahal) gleich auf Platz 2 der Hotels in Jodhpur bei Tripadvisor liegen würde, hinter besagtem Luxusschuppen, wenn es keine Fake-Bewertungen der neidischen Konkurrenz gäbe. Ob es nun wirklich Fake-Bewertugen sind können wir nicht sagen, aber wir können nur so viel sagen: wir haben absolut nichts zu meckern, es ist wirklich perfekt! Er erzählte auch, dass sie ehrlich ihr Geld verdienen wollen und dass das gerade im korrupten Indien ganz schön schwer ist. Das glaubten wir ihm aufs Wort. Wenn man zum Beispiel Gewürze kaufen will, schicken sie ihre Gäste nicht zu einem der 3000 Gewürzläden in der Stadt, sondern in den normalen Supermarkt, wo man die Gewürze bekommt, die die Inder auch zu Hause nutzen – und zwar zu einem vernünftigen Preis. Wir können nur hoffen, dass sie für ihre ehrliche Arbeit belohnt werden und alle Gäste das genauso zu schätzen wissen wie wir. Ehrlicherweise müssen wir auch zugeben, dass trotzdem auch immer ein bisschen Skepsis bei allem mitschwingt – unsere bisherige Erfahrung ist leider immer eher: gesunde Skepsis statt blindem Vertrauen. Obwohl wir generell versuchen, jedem offen gegenüber zu stehen, darf man jedoch auch nicht zu vertrauensselig sein. Das kann schnell auch mal nach hinten losgehen. Sogar er als Inder erzählte uns, dass er in Delhi mal beim Chai kaufen abgezockt wurde – es ist also keiner davor gefeit. ;)

Interessant war auch noch, dass der Cousin des Besitzers sogar einen Doktor in Hindi-Literatur hat. Da er momentan aber keinen Job hat, hilft er kurzerhand im Hotel als Koch mit. Die indische Großfamilie macht’s möglich – einer für alle, alle die einen. 

Blick von der Dachterasse auf die Festungsanlage

Nach diesem langen und beeindruckenden Tag fielen wir schon relativ früh ins Bett. Wir sind echt verliebt in dieses „Städtchen“ (1 Mio. Einwohner) in der Wüste Thar. Wir sind so froh, nach Jodhpur gefahren zu sein und fühlen uns in dieser Stadt einfach sehr wohl. Alles ist etwas entspannter, die meisten Leute einfach freundlich, ohne aufdringlich zu sein und wir könnten stundenlang auf der Dachterasse des Hotels sitzen und den Blick genießen. Zum ersten Mal können wir entspannen und im Trubel etwas zur Ruhe kommen. Das tut so gut und war mehr als nötig – vor allem weil in wenigen Tagen die Megacity Mumbai auf dem Plan steht.  

christin

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