Von Dabbawalas, indischen Hochzeitsanzeigen und Shopping Indien-Style

Freitag, 29. Januar

Unser zweiter Tag in Mumbai startete damit, dass zwei Angestellte von Sakhees Familie bei uns klingelten und fragten, was wir zum Frühstück essen mögen. Da wir Toast und Butter in der Wohnung hatten und niemandem große Umstände machen wollten, fragte ich nur, ob ich evtl. schwarzen Tee (ohne Milch) bekommen könnte. Der in Indien übliche Chai, ein Gewürztee mit viiiel Milch, ist nämlich nicht so meins. Eine halbe Stunde später klingelten die beiden wieder und brachten neben einer 100er Packung schwarzem Tee auch frische Pancakes und Omelettes mit, die jemand bei Sakhee zu Hause für uns zubereitet hatte – hätten wir uns ja fast denken können, dass wir mit unserer Bescheidenheit nicht weit kommen. ;)

Als wichtigstes To Do stand an diesem Tag Klamotten-Shopping für Sakhees Hochzeit auf dem Plan. Einerseits freute ich mich total darauf, die wunderschönen indischen Kleider anprobieren zu können, auf der anderen Seite war ich aber auch ganz schön skeptisch und sah mich schon als blasse Deutsche albern in den bunten und verspielten indischen Kleidern aussehen. Die liebe Sakhee hatte trotz Hochzeitsstress wieder alles für uns perfekt organisiert – während ich mit ihrer Schwester Shikha shoppen gehen sollte, nahm Shikhas Freund Chintan Felix unter seine Fittiche. Nachdem unser Fahrer am Tag zuvor ja etwas merkwürdig war, hatten wir einen neuen bekommen. Unser personal driver Allam stand ab sofort in den nächsten Tagen auf Abruf nur für uns beide bereit – während das für meine reicheren indischen Freunde anscheinend total normal ist, fühlten wir uns wie Könige. Ich machte mich also mit Allam auf den Weg zur Fashion Boutique, wo Shikha schon auf mich warten sollte. Als ich den kleinen Laden betrat war sie zwar nicht zu sehen, dafür aber ungefähr sieben Verkäufer, die mich alle mit großen Augen anstarrten. Ein kurzer Anruf bei Sakhee bestätigte mir, dass ihre Schwester in zwei Minuten da sein sollte. Aus den zwei Minuten wurden dann eher 30 Minuten und dann kam zwar nicht Shikha, aber ein Onkel mit seiner Tochter, die ich schon am Vorabend kennengelernt hatte. Und dann ging es los mit dem munteren Anprobieren Indien Style. Kleid um Kleid wurde aus den Regalen herausgezogen und ich war total überfordert mit der Auswahl und den Größen. Was soll man tragen? Muss der Bauch da wirklich rausgucken? Ist das nicht etwas zu viel des Guten? Im Endeffekt stellte sich heraus, dass es dort quasi alles in einer Einheitsgröße XL gab und die Kleidung dann entsprechend umgenäht werden sollte. Wenigstens passten mir alle Kleider perfekt von der Länge her – die Durchschnittsgröße indischer Frauen liegt nämlich bei gerade einmal 1,53 m. Dass ich mal irgendwo 5 cm größer als der Durchschnitt bin, hättet ihr wohl auch nicht gedacht, was? ;) Nach kurzer Zeit kam auch Shikha und hatte gleich noch eine Menge Verwandter im Gepäck, die am Morgen aus Hawaii und Los Angeles angekommen waren und die mit der Klamottenauswahl ähnlich überfordert waren wie ich. Beim Anprobieren war ich mir manchmal nicht sicher, ob ich mich wie eine Märchenprinzessin oder eine kitschige Barbie fühlen sollte und fragte auch noch fünf Mal nach, ob die Outfits nicht etwas over the top seien. Und obwohl der Verkäufer offenbar der Überzeugung war, dass grelles Rosa und helles Gelb meine Farben wären (helles Gelb bei meiner blassen Haut???), entschied ich mich im Endeffekt doch für etwas dezentere Farben. Die Wahl fiel auf ein dunkelblau-goldenes, ein schwarz-goldenes und ein braun-rot-gelbes Kleid. Wohl wissend, dass ich die Kleider in Deutschland nie wieder tragen werde können, habe ich auch eher nach günstigeren Modellen Ausschau gehalten und auch auf passende Schuhe verzichtet. Unter den bodenlangen Kleidern fällt sowieso niemandem auf, wenn ich meine normalen Flipflops trage. Für die drei Kleider inklusive passender Hosen zum drunterziehen und Schals zahlte ich insgesamt umgerechnet 160 €. Sie sollten dann noch entsprechend meiner Maße geändert und am nächsten Morgen ins Apartment gebracht werden.

Als ich nach etwa zwei Stunden wieder nach Hause kam, habe ich erwartet, dass auch Felix längst mit dem Shoppen fertig ist, aber von ihm war weit und breit nichts zu sehen. Also vertrieb ich mir die Zeit mit Lesen und machte es mir auf dem Balkon gemütlich. Irgendwann schnappte ich mir meine Kamera und nutzte die Zeit, um ein bisschen mit meiner Kamera rumzuprobieren.

Selfie aus Langeweile

Spannend war auch das Stöbern in einer alten Zeitung, die ich auf dem Balkon gefunden hatte. In indischen Tageszeitungen gibt es nämlich auch immer mehrere Seiten mit Hochzeitsannoncen, in denen Eltern ihre Kinder als gute Partie anpreisen und auf diesem Wege einen heiratswilligen und natürlich angemessenen Partner für Sohn oder Tochter finden wollen. Auch wenn ich mir beim besten Willen nicht habe vorstellen können, dass viele Leute so eine Annonce ernsthaft schalten, habe ich mir von Freunden sagen lassen, dass dies eine durchaus übliche Methode ist, den oder die Richtige/n zu finden. Eine arranged marriage, also dass die Eltern die Hochzeit für ihr Kind arrangieren, ist nämlich auch heutzutage immer noch gang und gäbe in Indien! Die Annoncen sind nach verschiedenen Kasten, Religionen oder auch Berufen sortiert und preisen mit mir teils unverständlichen Abkürzungen die Vorzüge der bride oder des groom to be an. Neben Alter, Größe, Figurtyp, Kaste und Religion findet man auch Angaben zum Bildungsstand und über die Herkunft der Familie. Bei Interesse wendet man sich einfach mit Steckbrief und natürlich Foto an die angegebene Email-Adresse. Wie es dann weiter geht kann ich nur vermuten – ich stelle es mir aber wie eine Art „Casting“ vor, in der dann abgecheckt wird, ob die vorgegebenen Kriterien passen. Soweit wie ich es mitbekommen habe, haben die Beteiligten dennoch auch ein Stimmrecht und können durchaus auch ablehnen, wenn ein/e Anwärter/in nicht ihrem persönlichen Geschmack entspricht. Für uns wirklich unvorstellbar und überhaupt nicht mit der romantischen Vorstellung von Liebe und Ehe in der westlichen Welt vereinbar – aber wie heißt es so schön? Andere Länder, andere Sitten. Und gerade das ist ja auch das tolle am Reisen, dass man so viele unterschiedliche Herangehensweisen und Einstellungen kennenlernt und so auch gezwungen ist, sein eigenes Weltbild einfach mal zu hinterfragen. Was nicht heißen soll, dass ich persönlich meine Eltern auf meine Partnersuche ansetzen wollen würde – trotzdem ist es interessant zu wissen, wie es in anderen Kulturen läuft. Obwohl es spannend wäre zu sehen, wen mir Mama und Papa wohl aussuchen würden?! :P

Nachdem ich ausgiebig die Heiratsannoncen studiert hatte, machte sich bei mir langsam der Hunger breit, den auch unser Müsliriegel-Vorrat nicht wirklich befriedigen konnte. Und als hätte er es gehört, brachte mir einer der Angestellten leckeres Mittagessen vorbei – schon ein bisschen so wie im Schlaraffenland… ;) Die verschiedenen Behälter wurden in einer typischen Warmhaltebox transportiert – ein bisschen wie eine Thermoskanne halt nur für Essen. Neben Reis und gravy (eine Art Soße) gab es auch das leckere chapati (Brot), Blumenkohl, Kartoffeln und Okra, das ein bisschen wie Zucchini aussieht und schmeckt und das wir erst in Indien kennengelernt haben. Normalerweise isst man in Indien übrigens mit den Händen. Man reißt man sich ein Stück Chapati ab und benutzt das quasi als Löffel, indem man Gemüse und Reis damit aufnimmt. Wichtig ist, dass nur mit der rechten Hand gegessen wird. Die linke wird in Indien nämlich zum Reinigen nach dem Toilettengang benutzt und verständlicherweise möchte sich diese dann niemand kurz danach in den Mund stecken. ;) Das Essen mit Händen hatten wir aber nach kürzester Zeit raus und Besteck und Co. haben mir persönlich auch nie gefehlt – im Gegenteil, eigentlich macht das sogar ziemlich Spaß!

Hinten rechts sieht man das für die indische Küche typische Okra

Die kleinen Metallbehälter, in denen das Essen geliefert wurde, werden übrigens dabbas oder tiffin tins genannt und sind ein typisches Transportmittel für Essen in Indien. In Mumbai hat sich für den Transport von selbst gekochtem Mittagessen ins Büro sogar eine eigene Berufsgruppe entwickelt: die Dabbawalas. Dieser unglaublich gut organisierte Lieferdienst existiert so nur in Mumbai und funktioniert folgendermaßen: die Behälter mit frisch gekochtem Essen werden von einem Dabbawala mit dem Rad zu Hause bei der Familie abgeholt und dann durch ein ausgeklügeltes Transportsystem pünktlich zum Mittagessen ins Büro geliefert. So können die Büroangestellten das gewohnte Essen von zu Hause genießen, ohne hygienische Bedenken haben zu müssen und wissen außerdem, dass alle Zutaten konform mit ihrer jeweiligen Religion oder anderen Anforderungen sind. Obwohl viele der Dabbawalas Analphabeten sind, ist die Beschriftung auf den Boxen so einfach und doch so genial, dass jeder sie verstehen kann und sie problemlos an die richtige Adresse zugestellt werden. 200.000 Mittagessen werden von etwa 5000 Dabawalas so jeden Tag durch Mumbai transportiert – Tendenz steigend. Und ob man es glaubt oder nicht, 99,9 % aller dabbas erreichen pünktlich ihr Ziel – angeblich kommt nur eine von sechzehn Millionen (!) Dabbas nicht an ihren Bestimmungsort. Wirklich beeindruckend!

Wer mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich die folgende kurze Reportage. Sie sollte direkt bei 10 Minuten und 8 Sekunden starten, wenn es um die Dabbawalas und ihre Arbeit geht und dauert keine zehn Minuten. Ansonsten habe ich auch noch einen interessanten Artikel gefunden, in dem auch erklärt wird, wie dieses System überhaupt entstanden ist: zum Artikel über Dabbawalas.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam auch endlich Felix wieder vom Shoppen – es stellte sich heraus, dass er statt nach geplanten 10 Minuten erst nach fast zwei Stunden aufgebrochen ist. Kein Wunder also, dass er so lange gebraucht hatte. Als Sakhee kurz vorbeischaute, gab es von Felix gleich eine kleine Modenschau mit seinen erstandenen Outfits. Und nach einem ersten kleinen Lachkrampf ob des ungewohnten Anblicks haben wir beide festgestellt, dass die traditionellen Klamotten ihm wirklich gut standen. Den Mann kann man alleine einkaufen schicken und er gibt doch echt einen ganz guten Inder ab, oder was meint ihr!?


Am Abend stand das erste „Vor-Hochzeits-Event“ an, und zwar das Business Dinner mit den Geschäftspartnern von Sakhees Vater Ashok. Da in Indien gefühlt wirklich jeder entfernt Bekannte eingeladen wird, war es also keine Frage, dass auch die Geschäftspartner aus aller Welt eingeflogen wurden. Ich bin ja schlecht im Schätzen, aber um die 200 Leute tummelten sich bestimmt auf der riesigen Dachterasse, wo das Dinner stattfand. Obwohl Sakhee meinte, dass wir ganz leger in Jeans kommen könnten, waren wir doch froh, dass wir uns zumindest kurzfristig noch für einen langen Rock bzw. Felix für eine Anzughose mit Hemd entschieden hatten. Denn natürlich kamen irgendwie doch alle im Anzug und in schicken indischen Kleidern und ich fühlte mich immer noch hoffnungslos underdressed in meinem schlichten Outfit. Die Dachterasse war wunderschön beleuchtet und sah mit großen runden Tischen und Stühlen mit weißen Hussen toll aus! Es gab ein großes Buffet mit den verschiedensten indischen Speisen und wieder mal war jeder besorgt, ob das Essen auch ja nicht too spicy für uns sei und fragte uns, ob wir auch ordentlich gegessen und genug Wasser getrunken hätten. Hatten wir. Wir hatten sogar den interessant schmeckenden Kiwi-Ananas-Saft mit Salz gekostet – und diesen auch sofort eindeutig zur Kategorie muss nicht nochmal sein zugeordnet. ;) Unerwartet schnell, schon nach zwei bis drei Stunden, leerte sich die Location merklich und da auch wir beide ziemlich k.o. vom langen Tag waren, ging es auch für uns relativ zeitig wieder zurück in unser Apartment auf Zeit und mit vielen neuen Eindrücken im Kopf ging ein weiterer Tag unseres Urlaubs zu Ende.

Felix_und_ich_beim_Dinner

Beim Business Dinner auf der Dachterasse

christin

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