Von Hennas, Jain-Tempeln und glitzernden Armreifen

Wenn ich mir von den vier wirklich aufregenden und eindrucksvollen Tagen der indischen Hochzeit einen liebsten aussuchen müsste, dann wäre es wohl der zweite Tag. An diesem gab es sogar gleich zwei Events: am Morgen die Puja Ceremony im Jain-Tempel und am Abend das bunte und fröhliche Mehndi, bei dem die Hände der weiblichen Gäste mit Henna angemalt wurden.

Zunächst waren wir uns aber erst einmal gar nicht so sicher, ob wir mit in den Tempel gehen durften oder nicht. Wir hatten es so verstanden, als seien für die Puja Ceremony nur Familienmitglieder eingeladen. Am Abend zuvor stellte sich dann aber heraus, dass wir auch eingeladen sind. Dieses Erlebnis wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Einen Haken hatte die Sache jedoch: die Kleiderordnung. Für den Tempel benötigten wir nämlich noch nie getragene Klamotten, die außerdem nicht schwarz sein durften. Unsere indischen Roben wären für diesen Anlass zu overdressed gewesen und die Klamotten in unserem Rucksack waren nach knapp drei Wochen im Rucksack alles andere als frisch und ungetragen. Und Zeit, um etwas Neues zu kaufen, hatten wir auch nicht mehr. Glücklicherweise hatten wir Sakhee, die für mich ein ungetragenes weißes Oberteil in unser Apartment schicken ließ, was sie noch im Schrank hatte. Und wie es der Zufall so will, passten die aufgestickten goldenen Blumen auf dem Shirt perfekt zu einer der Hosen, die ich zu meinen Kleidern für die Hochzeit dazu bekommen hatte. Perfekt! Guido Maria Kretschmar wäre stolz auf mich gewesen – die Challenge „Stelle ein Outfit für einen Tempelbesuch in Indien zusammen“ optimal gemeistert! ;) Für Felix lies sich leider nicht so schnell etwas organisieren, aber Sakhee meinte, es wäre auch kein Problem, wenn er einfach in Jeans und einem hellen Hemd kommt. Im Endeffekt sieht ja doch niemand, ob und wie oft die Klamotten schon getragen wurden.

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Tadaaaa… Unsere Outfits!

So perfekt gestyled kamen wir dann am Tempel an und wurden von einem Meer aus Schuhen am Eingang empfangen. In indischen Tempeln gilt nämlich: Zutritt nur barfuß! Später wurden es übrigens noch mehr – eine wahre Freude, da seine Flipflops wiederzufinden!

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Als wir den Tempel betraten, waren wir total fasziniert. Wir fühlten uns wirklich wie in einem Märchen von 1001 Nacht. Der Tempel war wunderschön geschmückt, bunte Lampen drehten sich, glitzerten und gaben dem Raum eine stimmungsvolle Beleuchtung. Auf dem Boden waren mit buntem Sand und Blumen super schöne Muster „gemalt“ und um das exotische Feeling perfekt zu machen, wurden indische Melodien gespielt. Man fühlte sich wirklich wie in einer anderen Welt.

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Beeindruckende Muster mit buntem Sand

Beeindruckende Muster mit buntem Sand

Im Tempel hieß es Männer auf die eine, Frauen auf die andere Seite – es muss ja schließlich alles seine Ordnung haben. Die Älteren machten es sich auf Stühlen gemütlich, während sich die Anderen auf weiche Decken auf dem Boden setzen. Genauso wie beim Sangeet am Vortag konnten wir auch dieses Mal nicht so wirklich ausmachen, wann genau denn nun die Zeremonie losgeht. Im Tempel war ein ständiges Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock und alle unterhielten sich, während das Spektakel auf der Bühne eher Nebensache zu sein schien. Die Puja ist übrigens ein Gebet zu den Göttern, damit das zukünftige Brautpaar für das gemeinsame Leben gesegnet ist. Puja ist Sanskrit und Bedeutet so viel wie „Verehrung“ oder „Ehrerweisung“. Neben Sakhee und und ihrem zukünftigen Mann Chaitanya war noch ein weiteres Brautpaar bei der Zeremonie beteiligt und auch diverse Familienmitglieder gingen immer mal auf die Bühne – wenn es dabei ein Muster gab, dann ist mir dieses zumindest nicht aufgefallen. Auf mich wirkte alles manchmal etwas chaotisch, aber vielleicht war das auch nur, weil sich mir die Bedeutung der einzelnen Rituale nicht wirklich erschloss. Sakhees Vater beantwortete mir später die Frage, warum alle auf der Bühne Anwesenden ein Tuch über Mund und Nase gebunden hatten: Chaitu’s Familie gehört nämlich dem Jainismus, einer indischen Religion, an und wir befanden uns demnach auch in einem Jain-Tempel. Ich garantiere hiermit nicht, dass ich alles richtig verstanden habe, aber so ungefähr habe ich seine Erklärung aufgefasst: Die Jains glauben, dass alles Stoffliche eine Seele hat, auch die Keime und Partikel in der Luft. Durch das Atmen tötet man sie sozusagen. Da aber eines der ethischen Grundprinzipien im Jainismus Ahisma ist – die Gewaltlosigkeit gegenüber allen beseelten Existenzformen – bindet man sich symbolisch ein Tuch vor den Mund, um zu zeigen, dass man keinem Lebewesen Leid antut.

Während der mehrstündigen Zeremonie redete eine Art Priester fast ununterbrochen auf Sanskrit (oder zumindest denke ich, dass es das war) in ein Mikrofon. Da weiß man abends glaube ich auch, was man gemacht hat. Zwischendurch fingen einige Männer wild an zu tanzen und wedelten dabei mit einer Art Fächern aus Federn um sich, was doch ein sehr interessanter Anblick war. ;) Auf der Bühne schienen so eine Art Opfergaben stattzufinden – die Brautpaare und enge Familienmitglieder schütteten Wasser aus goldenen Kannen in ein Becken und schmückten eine Statue mit bunten Blumen. Manchmal hätte ich wirklich gerne einen kleinen „Übersetzer“ im Ohr gehabt, der mir die Bedeutung der einzelnen Schritte der Zeremonie erläutert. Ich habe zwar immer genau versucht zu beobachten, was da gerade passiert, aber die Zeit wäre wohl etwas kurzweiliger gewesen, wenn ich zumindest die wesentlichen Schritte verstanden hätte. Einmal wurde jedem eine Handvoll Reis in die Hände gegeben und Inderin erklärte mir, dass man diesen zu einem bestimmten Zeitpunkt werfen soll. Reis ist in Asien ein Zeichen für Fruchtbarkeit und Leben und soll dem Brautpaar reichen Kindersegen bringen. Außerdem gilt Reis in Indien als Erscheinungsform der Götting Lakshmi, der Göttin des Reichtums und des Wohlstands. Was von beidem ich dem Brautpaar mit dem Werfen der Reiskörner nun gebracht habe, weiß ich leider auch nicht – aber sowohl Kindersegen als auch Reichtum ist ja beides nicht verkehrt. ;)

 

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Nachdem wir nach der morgendlichen Klamotten-Frage keine Zeit mehr zum Frühstücken hatten und mit nur einem schwarzen Tee im Bauch losgezogen sind, machte sich nach über zwei Stunden im Tempel doch ganz schön der Hunger bemerkbar. Als Ashok, Sakhees Vater, uns verkündete, dass das Mittagessen bereits aufgetischt sei und wir jederzeit gerne hinfahren könnten, wollten wir aber nicht unhöflich sein und das Ende der Zeremonie abwarten. Als nach drei Stunden allerdings immer noch kein Ende in Sicht war und sogar schon die meisten Familienmitglieder den Tempel verlassen hatten, riefen wir schlussendlich doch unseren Fahrer Allam an und ließen uns zum College fahren, wo der Lunch stattfinden sollten.

Am Eingang wurden wir erstmal mit frisch gepresstem Zuckerrohrsaft begrüßt. Dort stand eine große Presse, durch die Zuckerrohr-Stangen geschoben wurden. Der Saft lief dann über Eiswürfel und wurde dann in Gläser abgefüllt. Ich kostete natürlich auch mal und fand es sehr lecker – bis mir auffiel, dass die Eiswürfel ja höchstwahrscheinlich aus Leitungswasser gemacht sind. Schisser wie ich bin, klingelten bei mir schon wieder sämtliche Magen-Darm-Alarmglocken und ich verzichtete dann doch lieber auf den Rest Getränks. Nachdem wir schon so problemlos durch den Urlaub gekommen waren, wollte ich mich nicht noch auf den letzten Metern doch noch den Magen verderben.

In der großen College-Halle standen lange Tische mit großen Tellern. Als Glücksbringer bekam jeder von uns erstmal einen goldenen Punkt auf die Stirn. Außerdem gab es für jeden Gast einen Umschlag mit 100 Rupien (ca. 1,40 €) als Geschenk, ebenfalls als Glücksbringer.

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Und dann ging es auch schon los: eine Reihe von Kellnern zog in unendlich scheinender Schlange an unseren Tischen vorbei und jeder bot uns eine andere indische Spezialität an. Wir kosteten einfach alles mal durch und nahmen dann nochmal bei den Sachen nach, die für unsere empfindlichen europäischen Gaumen nicht too spicy waren. Die Kellner waren so eifrig, dass wir vor lauter „Ja, bitte“ und „Nein, danke“ kaum zum Essen kamen. Unsere Tischnachbarin klärte uns dann auch noch auf, dass das Essen Jain sei. Und wie ihr ja oben schon gelernt habt, leben die Jain nach dem Grundsatz, jegliches Lebewesen unversehrt zu lassen. Sie ernähren sich daher auch vegetarisch. Die Besonderheit ist, dass sie auch kein Wurzelgemüse wie Karotten, Kartoffeln und Zwiebeln essen. Um diese zu ernten müsste man ja die komplette Pflanze töten. Wie immer machte sich jeder Sorgen, ob wir auch ja genug zu Essen bekommen hätten und ob es auch nicht zu scharf gewesen sei. Alles dreht sich immer ums Essen – Indien ist mein Land! ;)

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So gut gesättigt genehmigten wir uns zu Hause erstmal einen kleinen Mittagsschlaf. Und dann hieß es auch schon direkt wieder: rein in die indische Garderobe und hübsch machen für die Mehndi Zeremonie am Abend. Unsere Garderobe für diesen Abend: Felix im klassischen Anzug und ich in einem schwarz-goldenen, bodenlangen Kleid. Übrigens darf man eigentlich gar niemandem erzählen, was man unter so einem schicken Kleidchen trägt: es sind weite One-size-fits-all Stoffhosen zum Zuschnüren, in die ich ungelogen vier Mal reingepasst hätte. Zerstört vielleicht etwas die Sicht auf das schöne Stöffchen, aber ist die bittere Realität… ;)

Die Location lag direkt an einer Pferderennbahn und war einfach ein Traum! Draußen war alles traumhaft geschmückt. Um die Bäume waren Lichterketten gewickelt, von einem Baum hingen wie von einer Weide hunderte von Lichterketten nach unten, es gab bunte Sofas mit gemütlichen Kissen und sogar eine Fahrrad-Rikscha im Bollywood-Stil, auf der man sich fotografieren lassen konnte. An diesem Abend fühlten wir uns wirklich wie in einem Bollywood-Film!

 

Mein persönlicher Rikscha-Fahrer ;)

Richtig spannend fand ich auch die kleine indische „Snack Bar“, die auf großen Wagen aufgebaut war, wie man sie tatsächlich noch auf Indiens Straßen sieht. Die Kellner dazu waren in traditionell indischer Kleidung gekleidet. Neben frisch gegrilltem Mais mit Butter und – wie soll es anders sein – ordentlich Chili, gab es auch verschiedene Früchte zum probieren. Vom Bräutigam Chaitu und seinen Freunden ließen wir uns erklären, dass man viele Früchte davon mit etwas Salz isst und so kosteten wir einfach mal mutig drauf los. Es gab Sternfrucht mit Salz, unreife Mango mit Salz, frischen Fenchel und so komische rote Dinger, bei denen ich keine Ahnung hatte, was sie sind, die aber unglaublich sauer waren. Auf jeden Fall ein Geschmackserlebnis und ich kann nicht sagen wieso, aber irgendwie war dieser Moment einer, der mir unter den ganzen beeindruckenden Eindrücken während unserer Reise besonders in Erinnerung geblieben ist.

Chaitu an der Snack-Bar

Fenchel-Samen zum Naschen

Unglaublich beeindruckend war auch ein Mann, der in fünf Minuten über einem Feuer Armreifen in den Wunschfarben hergestellt hat. Passend zu meinem Kleid wählte ich die schwarz-gold Variante. In den folgenden Bildern habe ich mal versucht, den Entstehungsprozess eines Armreifs festzuhalten und unter den jeweiligen Bildern kurz noch was dazu geschrieben:

Die Qual der Wahl – es gab verschiedene Farben zur Auswahl

Zuerst wurden die gewählten Farben in der Glut erhitzt und dann auf den Stab hinten rechts auf dem Bild aufgetragen

Das Ganze wurde dann zu einer langen „Wurst“ gedreht und in diese wurde dann später in den heißen Armreif-Ring hineingepresst

Zum Schluss wurde der Armreif noch poliert und war dann auch direkt schon fertig :)

Richtig cool, oder? Im Laufe des Abends bin ich immer mal wieder an seinem Stand vorbei und schaute fasziniert bei seiner Arbeit zu. Gegen solch ein tolles, handgemachtes Andenken an den Urlaub kommt kein noch so teures Souvenir an! Generell schwebte ich an diesem Abend auf Reise-Wolke Nr. 7 – immer wieder wurde mir klar, was für ein unglaubliches Glück wir haben, so etwas miterleben zu dürfen! Das sind Eindrücke, die für das ganze Leben bleiben. Und auch, wenn ich versuche, hier alles möglichst detailliert zu schildern und ein paar Fotos zeige – die Geräusche, die Geschmäcker, die Stimmung, das kann man nicht in Worte fassen, das muss man erlebt haben!

Nachdem wir uns draußen die Bäuche vollgeschlagen hatten, nahm auch die Party drinnen langsam an Fahrt auf. Eine Frau mit einer Trommel sang anscheinend etwas sehr lustiges über das Brautpaar. Zumindest konnten wir ab und zu ihre Namen heraushören, gefolgt vom lauten Lachen aller indischen Gäste. Mit späterer Stunde wurden die Stühle, die sowieso nicht genutzt wurden, an die Seite gestellt und der Dancefloor war eröffnet.

Die Party-Location innen. Noch früh am Abend – typisch Deutsch waren wir natürlich pünktlich da ;)

Ein Traum von einem Kronleuchter

Dann begann das, worauf ich mich schon vor dem Urlaub so sehr gefreut hatte: die Mehndi-Zeremonie, bei der die Hände der Frauen mit Henna angemalt werden. Während unserer Reise hatten wir schon viele Frauen mit wunderschön bemalten Händen gesehen und war sehr gespannt auf mein indisches Tattoo auf Zeit. Die Mehndi-„Malerinnen“ arbeiteten immer in Teams, jede knöpfte sich eine Hand vor. Ich war wirklich beeindruckt, wie schnell und präzise die beiden Frauen meine Hände verzierten. Und das ganz ohne Vorlage. Nach nur etwa 20 Minuten waren meine beiden Handaußen- und Innenflächen mit tollen Mustern verziert.

Mein erstes Henna

Mein Henna in Nahaufnahme

Für Felix ging der Spaß nach meinem Henna erst richtig los – denn die Paste muss mindestens zwei Stunden trocknen, damit die Haut gefärbt wird. Das heißt: mindestens zwei Stunden nichts anfassen. Der Arme durfte mir meine Tasche überall hintragen, mich mit Essen füttern, mir Getränke einflößen und und und… Und selbst als mir dann jemand erzählte, dass das Henna länger hält, wenn man es mit Zitronensaft noch einmal etwas anfeuchtet – und ich das natürlich sofort machen musste – hat er tapfer durchgehalten. Danke an dieser Stelle also mal an dich!

Ein etwas aufwendigeres Henna bei der Schwester der Braut

Das Henna der Braut ist im Übrigen noch ein ganzes Stück aufwendiger als meine „Light-Version“. In der Regel werden der Braut neben den Händen auch die Arme und Füße angemalt. Und man sagt, je dunkler das Henna wird, desto größer ist die Liebe des zukünftigen Ehemanns. Außerdem werden häufig die Initialen des Liebsten in das Henna integriert – und dieser darf sie dann in der Hochzeitsnacht suchen. Auch eine Art, sich langsam „besser kennen zu lernen“… ;) Wer noch mehr über die Bedeutung des Hennas erfahren möchte, dem sei dieser spannende Artikel aus der Zeit ans Herz gelegt.

Den Rest des Abends verbrachten wir hauptsächlich mit Tanzen. Die Inder sind einfach eine richtige „Tanz-Nation“ und jeder, wirklich jeder, tanzt mit und die Stimmung ist einfach richtig gut! Je später die Nacht wurde, desto mehr Alkohol floss auch. Was einigen auch deutlich anzumerken war. Mir versuchte jemand mitten auf der Tanzfläche einen Shot aus einem Reagenzglas in den Mund zu kippen. Leider bin ich der schlechteste Shot-Trinker der Welt und kam gar nicht damit zurecht, den Wodka so schnell runterzuschlucken. Als Konsequenz prustete ich dann die Hälfte der blauen Flüssigkeit über mein Kleid – wie gut, dass es schwarz ist! ;)

Wir ließen uns natürlich nicht lumpen und tanzten bis zum Schluss mit, bis Sakhees Mama dafür sorgte, dass die Musik ausgemacht wird. Denn schließlich stand am nächsten Morgen schon die nächste Zeremonie an und besonders die Braut braucht ja auch noch etwas Schlaf in diesen aufregenden Tagen. Am Ausgang gab es noch für jeden ein kleines Gastgeschenk – eine Tasche gefüllt mit einem Armband. Und so ging auch Tag zwei der Hochzeit zu Ende.

Ein Abschiedsgeschenk

christin

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